Briefe an Irene XX - Juni 2026
Jun 10, 2026 12:01 pm
Wuppertal, 10. Juni 2026
Liebe Irene,
wie geht es Dir? Wie Du sicher gemerkt hast – hoffentlich! – ist mein Brief im April und im Mai ausgeblieben. Es war leider einfach nicht zu schaffen. An der Uni hatte ich einen wichtigen Präsentationstermin, und diesen ausgerechnet am letzten Mittwoch vor meinem Urlaub, dann hatte ich mir vorgenommen, viel an unserem schönen Haus hier in Wuppertal zu arbeiten, das hat mich insgesamt drei Wochen in Anspruch genommen. Ein wenig stolz kann ich vermelden, dass ich alles geschafft habe, was ich geplant hatte und auch in der angedachten Zeit. Das hat mir eine tiefe Genugtuung verschafft, aber auch eine gewisse körperliche Erschöpfung. Glücklicherweise nicht so verhärmt und erschöpft, dass meine Handgelenke so dünn wie Brustwurzstengel aussahen. So schrieb es Joan Aiken in »Fanny und Scylla« 1980. Ein Roman, den ich sehr liebe.
Joan Aikens Werk habe ich nun richtig in mein Herz geschlossen. Wenn man sich dies überhaupt anmaßen darf? Einige ihrer Bücher habe ich schon vor der Jahrtausendwende einmal gelesen, so »Du bist ich« oder »Ärger mit Produkt X«. Dabei bin ich nicht einmal so ein großer Fan, ihrer teils etwas ins Komische gehenden Romane, ich mag jene Romane gerne, in denen starke Frauen die Protagonistinnen sind. Wie zum Beispiel in »Emma Watson«, »Das Mädchen aus Paris«, »Die jüngste Miss Ward«, »Anderland« oder »Der Schmuck der Lady Catherine«. Der Diogenes Verlag hat mit den gebundenen Ausgaben eine schöne Reihe geschaffen, und wie ich es im Moment überblicke, habe ich sie nun vollständig hier und sie sind allesamt eine große Bereicherung für meinen Zettelkasten, denn im Laufe der Jahre entwickelte Joan Aiken eine, wie ich persönlich finde, an Nuancen und Bildern reiche Sprache, die Interesse weckt, manchmal amüsiert und in der Regel immer eine angenehme, gut zu lesende und unterhaltende Lektüre bietet. Wie sehr sie sich im Laufe der Jahre weiterentwickelte ist besonders zu merken, wenn man erst am Schluss einen ihrer frühen Romane, nämlich »Nightfall - Fürchte die Nacht« von 1969 liest – dem Buch ist deutlich anzumerken, dass sie ihren Stil noch finden musste. Dass Joan Aiken auch sehr viele spannungsreiche Kinderbücher geschrieben hat, ich brauche es eigentlich nicht zu erwähnen.
Und während die Baustelle, Joan Aiken und der nunmehr völlig in seiner Pracht eskalierende Garten den Mittelpunkt des langen Frühjahrs bildeten, kam ich innerlich überhaupt nicht mehr zur Ruhe. Von der Baustelle in den Garten, vom Garten in den Zettelkasten, und vom Zettelkasten ins Büro. Wie so ein kleines, aus der Kontrolle geratenes Duracell-Häschen bin ich im Grunde geistig und körperlich immer nur überaktiv gewesen.
Also habe ich mir einen kleinen Urlaub verordnet. Zu dem oben Aufgezählten kam noch meine jetzt dritte Fahrradrestauration dazu, also beschloss ich, den frisch polierten, teils nachlackierten, an allen Stellen neugeschmierten Drahtesel gleich einmal zu einer kleinen Runde auszuführen und mich selbst von allen Geschehnissen daheim bewusst auszuladen.
Du musst mal raus, sagte ich mir! Du musst mal weg!
Und sehen, ob Du allein, ohne Zwänge, alles selbst entscheidend überhaupt noch mit Dir selbst klar kommst.
Ich kam.
Joan Aiken schrieb in Anderland, »Hoffnungsvoll zu reisen ist nicht besser, aber es ist alles, was wir tun können.« Ich wollte einmal wieder auf einen Horizont zufahren, um, wie es Amor Towles in »Ein Gentleman in Moskau« so schön schrieb, um zu sehen, was dahinter liegt. Und ein weiteres Zitat aus diesem schönen Buch möchte ich Dir nicht vorenthalten, ich habe es mir eigens deshalb aufgehoben:
»An dem Abend bevor sie Moskau verließ und ihrem Vater ihre Befürchtungen angesichts dessen, was er für sie vorhatte, darlegte, hatte er versucht, sie mit einem Gedanken zu trösten. Er hatte gesagt, unser Leben sei von Ungewissheiten geleitet, viele davon verwirrend, auch furchteinflößend. Gingen wir jedoch unseren Weg furchtlos weiter und bewahrten uns ein offenes Herz ...«
Ein offenes Herz und ein freundliches Lächeln.
Schrieb doch der österreichische Schriftsteller Hans Gustl Kernmeyr in seinem Buch »Briefe an meinen Sohn« von 1975 »Mit dem Hut in der Hand kommt man durch das ganze Land.« Wir haben ganz vergessen, was das bedeutet, denn wer lupft heute schon noch seinen Hut? Welch freundliche und vor allem alles offenbarende Geste. Man machte sich vor dem Gegenüber verletzlich.
Heute wird überhaupt nicht mehr gegrüßt. Das habe ich zumindest in Deutschland auf der Radtour so gespürt. Natürlich grüße ich auch nicht jeden. Nicht die Junge Frau mit dem Einkaufsgepäck auf dem Hinterrad, nicht den abgehetzten jungen Mann mit dem Kind im Lastenrad. Sie sind von mir und meiner Idee, mehr als einen Tag weit Radzufahren, zu weit weg. Aber alle Langstreckenradler grüße ich. Entweder mit einem fröhlichen »Guten Morgen« oder »Guten Tag«, oder ich lege den Finger an den Rand meiner Schirmmütze und lächele dem Entgegenkommenden freundlich grüßend zu.
Kaum jemand lächelte zurück. In den meisten Gesichtern herrschte zu meinem Verdruss der Grimm. Ganz besonders in Gesichtern der in tchibogelb gekleideten älteren Pärchen, die nicht links, nicht rechts schauten. Vorne der Mann, den Blick starr nach vorn gerichtet, hinter ihm die Frau, dem Anschein nach vom Anblick der tchibogelben Rückens etwas ermüdet.
Ich wollte ihnen zurufen, schaut mal, der Mohn! Diese Rosen! Was am Wegesrand blüht.
Kaum in Lächeln.
Lächeln. Das Lächeln kommt in der Bibel nur drei Male vor. Ich weiß es, ich habe nachgezählt. Und zu den Zeiten, als man die Bibel schrieb, verhieß das Lächeln nichts Gutes. Es heißt in Jesus Sirach 13,6 »Er lächelt dich an, verheißt dir viel«, und an selber Stelle, »mit viel Gerede will er dich verführen, und mit freundlichem Lächeln horcht er dich aus.« Und im gleich Buch an anderer Stelle »Ein Narr lacht überlaut; ein kluger Mann lächelt ein wenig«. Im Grimm'schen Wörterbuch findet man zuvorderst auch nicht viel Gutes über das Lächeln, von Anfang an wohnt dem Lächeln auch der Nebensinn des Tückischen bei. Dabei weiß schon Grimm, dass das Lächeln etwas ist, dass man schwer unterdrücken kann. Das Lächeln erfolgt »froh, heiter, liebreich, sanft, schalkhaft, verstohlen, schüchtern, bescheiden, allerliebst im Guten, im Schlechten aber auch boshaft, bitter, höhnisch, gezwungen.«
Und es ist, wie ich finde eine zugewendete lautlose Freude, obwohl das Verb intransitiv ist, es verlangt kein Objekt. Und, das wollte ich Dir, liebe Irene, eigentlich erzählen, ich habe im Zettelkasten angefangen das »Lächeln« zu sammeln. Weil es schön ist. In seinem Schweigen soviel Liebe und Aufmerksamkeit schenkt. Dem der sie empfangen möchte. Hier für Dich ein paar Beispiele:
In »Die Damen von Grace Adieu« schrieb Susanna Clarke:
»Seine Augen waren von einem so hellen lachenden Blau und sein Lächeln war so offen und aufrichtig, dass es einer Dame von Miss Tobias’ großer Contenance bedurfte, um nicht mit ihm zu lächeln.«
Wie Du in dem nächsten Beispiel lesen kannst, habe ich in meiner kleinen Aufzählung oben, das Wort huldvoll vergessen:
»Sie bemerkte es bald, und ihr Verhalten änderte sich auch: das vertrauliche Nicken verwandelte sich in eine steife Verneigung, das huldvolle Lächeln wich einem grimmigen Gorgonenblick, ihre lebhafte Geschwätzigkeit richtete sich jetzt nicht mehr auf mich, sondern ganz auf die «lieben Kinderchen», die sie nun noch unsinniger umschmeichelte und verwöhnte, als es die Mutter je getan.«
Aus Anne Brontës »Agnes Grey«
Die wunderbare Joan Aiken schrieb in »Anderland« etwas Schönes über das Strahlende und Leuchtende, das von einem Lächeln ausgehen kann.
»Mariana bedachte mich mit einem Lächeln, das eigens für mich und niemanden sonst gemacht schien. Ihr Lächeln war einfach hinreißend. Es löste das etwas einschüchternd Nußknackerhafte ihres Gesichtes vollständig auf. Urplötzlich wurde es strahlend, von innen her leuchtend. Ich strahlte zurück und dachte, wie schade, daß ihre Töchter nicht diese Schönheit geerbt haben.«
Amor Towles lässt in »Ein Gentleman in Moskau« einen Kellner mit einem zerlaufenen Lächeln herumlaufen, »In dem Moment erschien der Kellner, der wie der **Läufer im Schachspiel** aussah, und brachte eine Schale mit einem kleinen Turm aus Eiskugeln zu ihrem Tisch. »Das Horsd'œuvre?« »Oui«, sagte Nina. Nachdem der **Läufer mit einem zerlaufenen Lächeln** die Schale vor Nina abgesetzt hatte, wandte er sich dem Grafen zu und fragte, ob er die Speisekarte zu sehen wünschte (als würde er sie nicht auswendig kennen).«, und ich musste mir von meinen Kindern erklären lassen, dass es ein Emoji gibt, der »Zerlaufenes Lächeln« oder »Schmelzendes Gesicht« heißt. Er soll die Fassungslosigkeit angesichts einer überwältigenden oder extrem unangenehmen Situation ausdrücken. Wie sich Sprache doch auf wundersame Weise weiterentwickeln. Früher entgleisten die Gesichtszüge, ein Drama das man sich nicht bildlich vorstellen möchte, heute zerläuft das Lächeln.
Aber der wahre Zauber geht wahrscheinlich von einem berückenden Lächeln aus. Berückend, das steht eigentlich für »in die Falle lockend«. Aber merkst Du nicht auch, wie warm es Dir im Herzen wird, wenn Du die nächsten Zeilen liest:
»Germaine lächelte. Wie in der Nacht ihrer Ankunft war Ellen vom ungeheuren Zauber dieses Lächelns berückt. Es schien ihr Gesicht, ihr ganzes Wesen, den Raum selbst, mit Wärme und Zuneigung zu erleuchten. Ihre großen, dunkelgrauen Augen öffneten sich weit, und in ihren Tiefen zeigten sich grünliche Lichter.«
Aus Joan Aikens »Das Mädchen aus Paris«. Natürlich ist es wichtig, dass sich in den Tiefen nur grünliche Lichter zeigten, denn grün ist die einzige linde Farbe.
Aber schon Sophie von La Roche wusste, dass eine ganze Gegend lächeln kann, ungeachtet des andauernden Winters, denn was muss der Anblick der Blüte der Bäume im Sommer für eine ergötzende Empfindung verschaffen.
Und so lächelte ich viel auf meinem Wege von Wuppertal nach Lüttich, und die schönsten Gespräche führte ich, wenn auf mein Lächeln freundlich aufgenommen wurde. Hemingway schrieb in »Über den Fluß und in die Wälder«, was zufällig diese Reise perfekt in geliehene Worte kleidet, dass er über ein altes Lächeln verfügte, »das er schon fünfzig Jahre lang benutzte, seit er zum ersten Mal gelächelt hatte, und es funktionierte noch so tadellos wie das Purdey-Jagdgewehr vom Großvater.«
Lächeln, es kann aufscheinen und verschwinden, wie Sonnenstrahlen im April, wie Anne Brontë in »Die Herrin von Wildfell Hall« schrieb, oder die »Dunkelheit bis zum Nordpol erhellen«, wie es der schon weiter oben erwähnte Amor Towles in »Eine Frage der Höflichkeit« nannte.
Die Welt ist im Dunklen. Jeden Tag spüren wir es. Die Menschen im Iran. Die Menschen im Libanon. Die Frauen in Afghanistan. Die Abgeschobenen und Eingesperrten in den USA. Die Menschen, die an der Hitze in Indien leiden, alle aus ihrer Heimat vertriebenen oder in ihrer Heimat bombardierten.
Ihnen sind wir es schuldig, dass wir wenigstens ein wenig das Dunkel mit unserem Lächeln erhellen, nicht bis zum Nordpol, aber bis zum nächsten seelenvollen Gesicht. Amor Towles hat recht, denn mit einem Lächeln können wir zutiefst verborgene Menschlichkeit zum Ausdruck bringen.
Danke für Deine Zeit und es ist schön, dass es Dich gibt!
Mit den liebsten Grüßen,
Dein treuer Neffe Thomas
P.S. Bleib weg von offenen Fenstern
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Quellen:
Aiken, Joan : Anderland. Übersetzt von Ilse Bezzenberger. Diogenes-Verlag, Zürich 1994. S. 357 und S.34
Towles, Amor; Höbel Susanne (Übers.) : Ein Gentleman in Moskau. Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2017. S. 534 und S.122
Kernmayr, Hans Gustl : Briefe an meinen Sohn. Bertelsmann, Reinhard Mohn / Zürich, o. J. Buch Nr. 00887 0. S. 128
Clarke, Susanna; Grube, Anette (Übers.) : Die Damen von Grace Adieu - Erzählungen. Berlin Verlag, Berlin 2006. S. 25
Brontë, Anne, und Sabine Kipp (Übers.) : Agnes Grey. 1. Aufl. Manesse-Bibliothek der Weltliteratur. Manesse-Verlag, Zürich 1987.
Aiken, Joan; Stingl, Nikolaus (Übers.): Das Mädchen aus Paris. Diogenes-Taschenbuch 21322. Diogenes Verlag, Zürich 1987. S. 117
Hemingway, Ernest : Über den Fluß und in die Wälder: Roman. 36. Auflage. Rororo 10458. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag, 1985. 191-195 Tausend. S. 68
Towles, Amor; Höbel, Susanne (Übers.) : Eine Frage der Höflichkeit. List-Taschenbuch 61095. List, Berlin 2016.
Towles, Amor; Höbel, Susanne (Übers.) : Eve. 1. Auflage. Hanser, München 2024. S. 68
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